Werkspionage: Rumgeschnüffelt bei KTM!

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Wie Phönix aus der Asche

Es ist eine Gruppe Motorradfahrer, die mich mitnimmt. Coole Burschen auf schweren Enduromaschinen, gehüllt in Leder, den Blick lässig in die Ferne schweifend. Auch ich sitze auf einem motorisierten Gefährt, drei orange Buchstaben auf dem Tank geben an, wohin die Reise geht: KTM.

In Pfeilformation knattern wir über die Landstraße in Richtung Mattighofen, dem Sitz von KTM. Schon von Weitem kann ich den prächtigen Neubau erkennen, Glas und Stahl türmen sich in den blauen Himmel, ein Traumschiff inmitten saftig-grüner Kuhwiesen.


Vor dem Eingangsportal halten wir. Die Motorräder werden abgestellt, der Erste fängt an, seine Picknickdecke auszurollen. Taschen werden ausgepackt, Brot, Wurst und Käse werden gereicht, eine Sektflasche kreist in der Runde, so stellen sich also Motorradfans eine Pilgerfahrt zu ihrer Lieblingsfirma vor!
Doch keine Motorräder haben mich hierhergezogen, auch bin ich nicht zu einer gemütlichen Brotzeit aufgelegt. Das alles hier ist nur Mittel zum Zweck. Mein Ziel sind die vielen Mountainbikes, die hier entwickelt und gebaut werden, die kleinen Brüder und Schwestern der großen Motorräder, mit dem ebenso klangvollen Namen KTM.

Werkspionage-KTM01Nach der vierten Sektflasche klingelt der Erste der Gruppe an der KTM’schen Tür, um Einlass für ein kleines Geschäft zu erbeten. Wie ein Schatten hefte ich mich an seine Fersen, ziehe mit gequältem Blick ebenfalls an dem Wachmann vorbei und husche in einem unbeobachteten Augenblick hinter eine große Blumenvase, die im Flur steht. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, doch nachdem einige Sekunden vergangen sind, ohne dass ich entdeckt worden bin, weiß ich, dass ich es geschafft habe.

Denke ich zumindest. Denn als ich kurz meinen Kopf zur Seite drehe, bemerke ich, dass neben mir ein Mann hockt, der sich ebenfalls versteckt und mich mit großen Augen anguckt. Auch er scheint irgendetwas im Schilde zu führen, denn als ich etwas sagen will, legt er seinen Finger auf den Mund und zischt: „Psssst!“ Und plötzlich höre ich es. LIMBRUNNEN!“, schallt es durch das Foyer. „LIMBRUNNEN, wo stecken Sie?“ Es ist eine weibliche Stimme, mit asiatischem Akzent. Schweißperlen treten auf die Stirn meines Leidensgefährten, der immer unruhiger wird, denn die Stimme scheint näher zu kommen. „Meine Chefin!“, brummt „Limbrunnen“ nur, „sie will ständig was von mir!“ „LIMBRUNNEN, ich weiß, dass Sie hier sind, kommen Sie raus!“ Jetzt ist die Stimme fast neben uns. „Ah, da sind Sie ja!“, ruft die Stimme, als sie uns hinter der Vase entdeckt. Just in diesem Moment scheint „LIMBRUNNEN“ seine Vitalkapazität zurückerhalten zu haben. Während er aufsteht, sagt er: „Ja, Frau Urkauf-Chen, ich bin hier, ich habe nur eben diesen Eindringling aufgestöbert!“ Was für ein Verräter! Eben noch waren wir Brüder in misslicher Lage, jetzt schon wechselt er die Seiten! Niemals hätte ich ihm Deckung hinter meiner Vase geben sollen!

Werkspionage-KTM03„Limbrunnen, wer ist dieser Mann?“, fragt die Stimme und jetzt sehe ich auch die dazugehörende Frau. Eine attraktive Dame asiatischer Herkunft steht mir gegenüber und schaut mich mit fragendem Blick an. Um den armen „Limbrunnen“ nicht in Verlegenheit zu bringen, kläre ich die Situation auf und winsel um Gnade. Zuerst droht Carol Urkauf-Chen damit, mich zu Suzuki zu verarbeiten, doch dann kehren asiatische Milde und Weisheit in ihren Blick zurück und sie nimmt mich mit auf eine Reise durch die Welt der Firma KTM!

„Was für ein tolles Haus!“, entfährt es mir, als ich der KTM-Chefin durch das moderne, großzügig geschnittene Firmengebäude folge. „Das ist meine Idee, mein Baby, ich habe es zusammen mit einem Architekten entworfen. Die Firma KTM hat eine erfolgreiche Vergangenheit und das hier ist ein Schritt in die Zukunft!“ „Und wie sah die Vergangenheit aus?“, möchte ich wissen. Mit einer Handbewegung deutet sie mir an, ihr zu folgen, und beginnt zu erzählen. „Bereits 1951 wurden hier in Mattighofen die ersten Motorräder gebaut. Aus dieser Zeit stammt auch bereits der Name KTM.“ „Und was bedeutet das?“, frage ich. „Eigentlich ganz einfach“, springt „Limbrunnen“ ein, der eigentlich Stefan Limbrunner heißt und für das Marketing zuständig ist. „Die drei Buchstaben stehen für ‚Kronreif Trunkenpolz Mattighofen‘. Mattighofen ist der Standort, Hans Trunkenpolz der Gründer der Firma und Ernst Kronreif ein ehemaliger Kompagnon und Ingenieur.“ 1964 wird das erste Fahrrad bei KTM gebaut. Die erste Produktionsmenge von 10.000 Stück wird hauptsächlich nach Amerika exportiert, doch schnell sagt man sich vom amerikanischen Markt los und verkauft hauptsächlich Räder auf dem heimischen österreichischen Markt. Mitte der Siebzigerjahre wird in Simbach ein deutscher Firmenableger eröffnet. Dort werden Sporträder vermarktet und schon bald ist die Menge für den deutschen Markt größer als vom Stammsitz in Mattighofen. Doch 1992 wird ein Schicksalsjahr für KTM. Es kommt zum ersten Konkurs. Die Geschichte von KTM hätte einen ganz anderen Verlauf genommen, wenn nicht Carol Urkauf-Chen auf der Bildfläche erschienen wäre …

„Ich arbeite schon seit 30 Jahren in der Fahrradbranche, bei dieser Arbeit habe ich auch meinen Mann Hermann Urkauf kennengelernt, einen Salzburger. Seine Familie hatte einen bedeutenden Fahrradgroßhandel. Zwei Jahre nach unserer Hochzeit haben wir erfahren, dass KTM Konkurs angemeldet hat. Damals gehörte noch alles zusammen, die Motorrad-, Fahrrad- und Kühlerproduktion. Nach dem Konkurs wurde KTM in drei Firmen aufgeteilt. Mein Mann hat dann KTM Fahrrad gekauft und die Firma bis 1995 geführt. Dann stand KTM zum zweiten Mal vor dem Konkurs. Also bin ich eingesprungen.“
Im Bike-Business ist Frau Urkauf-Chen keine Unbekannte, sie besitzt schon damals eine Rahmenfabrik mit über 1.000 Mitarbeitern in Taiwan, die sehr gut läuft. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal gezwungen sein würde, KTM zu führen. Ich hatte mit meiner eigenen Fabrik und meinem Handelsgeschäft in Asien genug zu tun.“ 1996 übernimmt Urkauf-Chen offiziell KTM Fahrrad. Zuerst muss Kapital besorgt werden, und zwar schnell. Die Produktion stockt, denn im Hamburger Hafen liegen 20 Schiffscontainer mit Material, die nicht ausgelöst werden können. Die forsche Taiwanesin beschafft das Geld und hält die Firma so am Leben.

Als das geschehen ist, stellt sie die komplette Produktion um. „Der Rahmenbau bei KTM war eine recht altmodische Fertigungsweise, mit Muffen, das war nicht mehr zeitgemäß. In meiner Fabrik in Asien haben wir eine ganz andere Qualität hergestellt, hochwertig, modern, für viele namhafte Marken der Fahrradindustrie. Wir haben unsere ganzen alten Rahmen ausgemustert und neue entworfen.“

Werkspionage-KTM02So kommen die KTM-Rahmen heute aus Taiwan – u.a. aus Carol Urkauf-Chens eigenem Werk. 150.000 Räder rollen jährlich mit KTM-Logo in die Welt, 110.000 davon sind zu gleichen Teilen für den österreichischen und deutschen Markt bestimmt.
An einer Tür verabschiedet sich Frau Urkauf-Chen von mir mit dem Versprechen, dass sie später noch einmal zu uns stoßen wird. Ich ziehe allein mit Marketingleiter Stefan Limbrunner weiter. „Wir haben 110 Katalogmodelle“, verrät dieser mir und hält mir einen Prospekt unter die Nase, „dazu ein paar Dutzend Sondermodelle für große Kunden. In einem normalen Jahr sind unsere Räder im Mai ausverkauft, in einem guten im April, in einem sehr guten noch früher. Es gibt bei KTM nicht die Situation, dass man Bikes zu Sonderpreisen verkaufen muss. Es sind ganz einfach keine mehr da, wir haben tendenziell eher zu wenig Bikes! Das liegt sicher auch daran, dass bei KTM eine sehr vorsichtige Warenwirtschaft betrieben wird, weil die Firma eben schon zweimal Pleite war.“

Obwohl es vielleicht möglich wäre, noch mehr Fahrräder zu verkaufen, begnügt sich KTM mit einem jährlichen Fixwachstum von 5-10 Prozent. Neue Geschäftsfelder werden sorgfältig und mit Bedacht angegangen, auch für das Thema MTB hat man sich in Mattighofen Zeit gelassen. Nach den ersten Mountainbikes in den neunziger Jahren kommt im Jahr 2000 eine zweite Welle mit wettbewerbsfähigen Bikes. 2005 gibt man in Mattighofen nochmals so richtig Gas. Wichtige KTM-Modelle, wie das AllMountainbike Prowler und das Caliber, erblicken das Licht der Welt. Es folgen die Freerider Aphex und Tribute zusammen mit den Dirtbikes Soul und Flavour, insgesamt entstehen 45 verschiedene MTB-Modelle. „Im Grunde eine Vielfalt wie Custome-Made – nur günstiger für den Endverbraucher“, berichtet Stefan Limbrunner in perfektem Marketing-Deutsch.

Die Endfertigung der Bikes findet in Mattighofen statt, ebenso die Lackierung. 32 Mitarbeiter arbeiten in der eigenen Lackieranlage, in der ausschließlich umweltfreundliche Wasserlacke verwendet werden. In Handarbeit werden die Dekore auf die Rahmen aufgebracht, um sie dann unter Klarlackpulver, wie bei einem KFZ, zu versiegeln.

Vorbei an einer futuristisch wirkenden Straße, die magnetgesteuert Pulver aufbringt, gehen wir weiter in die Produktionshalle. Hier schrauben fleißige Hände flink die Bikes der unterschiedlichsten Kategorien zusammen. Es ist sauber und hell, eine freundliche Atmosphäre für freundliche Fahrräder.
„Sehr typisch für KTM ist die Solidarität unter den Mitarbeitern.“ Stefan Limbrunner lässt seinen Blick durch die Halle gleiten und sieht mich an. „Wenn es Bedarf in einem Bereich gibt, sind sofort die Kolleginnen und Kollegen zu Stelle, um das Loch zu stopfen. Das Nicht-Unterscheiden von Holschuld und Bringschuld ist stark ausgeprägt, ein ‚Meine Abteilung – deine Abteilung‘-Denken gibt es nicht. Man hilft sich, wo immer man kann. Es sind einige Leute dabei, die beide Konkurse mitgemacht haben, das möchte niemand noch einmal erleben. So ist hier die vorherrschende Meinung: Geht’s der Firma gut, geht es mir gut!“

Werkspionage-KTM04„So, nun habe ich ja schon allerlei gesehen, jetzt möchte ich auch bitte noch erfahren, wer sich diese ganzen Räder ausdenkt! Bitte, bitte, bitte!“, bettel ich „Limbrunnen“ an. Erst ziert er sich ein bisschen, doch dann sagt er: “Na gut, komm, ich zeige es dir!“ Ich folge ihm durch einen dunklen Gang, bis in eine Werkstatt. Er stellt mich Franz Leingartner vor, dem Chef der Entwicklung. „Ich nenne ihn immer den ‚Fahrradflüsterer’, weil: er weiß alles über die KTM Räder“, verrät Stefan mir und flüstert jetzt selbst.

„Meine Aufgabe wird von Mal zu Mal schwieriger“, beginnt Franz Leingartner und zwinkert mir zu, „denn jedes Jahr muss ich etwas sehr Gutes noch besser machen!“ Lachend lehnt er sich zurück. „Aber im Grunde beginnt die Arbeit an einem Rad immer gleich. Zuerst werden Einsatzbereich und Federweg festgelegt, danach die ersten Zeichnungen am Computer gemacht. Wenn diese Entwürfe überzeugend sind, lassen wir einen Prototyp in Taiwan fertigen. Anschließend wird der Rahmen in unserem eigenen Prüflabor untersucht und getestet. Als Letztes wird aus dem Rahmen ein Rad gemacht, ein Design entworfen, Anbauteile ausgewählt und kalkuliert. Fertig ist das Bike!“

„Na, das klingt aber einfach!“, rufe ich erstaunt. „Na, das klingt nur so, es steckt sehr viel Arbeit darin. Besonders, wenn wir uns an völlig neue Projekte wagen, wie zum Beispiel an Carbon-Bikes. Marschrichtung dort war, ein Fully unter zehn Kilo zu bauen. Und das ist uns mit dem Score Prestige auch gelungen! Im Falle unserer High-End-Bikes kam noch eine weitere Herausforderung dazu: Wir wussten nicht, wie ein KTM-Bike in der Preisklasse über 6.000 Euro angenommen wird. Vielleicht hat uns da auch ein bisschen Selbstvertrauen gefehlt, aber es hat sich bewährt und uns einen Mordsauftrieb geben.“

Verträumt streicht der Fahrradflüsterer über den Sattel eines Testbikes, als wir die Werkstatt wieder verlassen und zurück in den Bürotrakt gehen. Dort treffen wir Josef Spießberger, als Geschäftsführer zweiter Mann bei KTM und für den Vertrieb verantwortlich. Er verrät mir eines der Erfolgsgeheimnisse von KTM. „Wir arbeiten sehr vertriebsorientiert“, beginnt er, „darin liegt unsere Stärke. Der Außendienst wird permanent nach seiner Meinung gefragt und zweimal im Jahr werden alle Vertriebsmitarbeiter zur Klausur gebeten, um ihr Feedback zu den Rädern abzugeben. Die Resonanzen, die jeder einzelne von seinen Händlern bekommt, fließt als Erkenntnis in die Gestaltung der neuen Produktpalette ein. Wenn es mal einen gravierenden Mangel geben sollte, kann man sofort eingreifen und die nächste Charge direkt verändern.“ „Dann helfen die Außendienstmitarbeiter ja direkt mit, ein Bike zu entwickeln!“, stelle ich fest. „Genau“, bestätigt Josef Spießberger. „Die Entwicklung entwirft auch aufgrund der Erkenntnisse des Außendienstes die Radtypen. Jedes einzelne Rad muss vor den 30 Vertriebsmitarbeiten bestehen. So kann es auch vorkommen, dass der Außendienst sagt: ‚So ein Rad brauchen wir nicht!‘, und dann streichen wir das aus dem Programm!“

Werkspionage-KTM06Freundlich nickt er Frau Urkauf-Chen zu, die sich in diesem Augenblick in unsere kleine Runde stellt. Für mich ist es Zeit zu gehen, vor der Tür höre ich schon meine Motorradgang am Gashahn spielen. Ich begebe mich zur Tür, und Carol Urkauf-Chen verabschiedet mich mit ihrem Resümee über die Fahrradindustrie. „Als ich nach Österreich kam, konnte ich nicht ein einziges Wort Deutsch sprechen. Zum Glück ist in der Fahrradbranche die Sprache nicht so wichtig. Wir sprechen alle ‚bicycle language‘! Das ist wirklich ein komischer Beruf! Seit dreißig Jahren treffe ich immer die gleichen Gesichter. Wenn man einen Tag in der Fahrradbranche arbeitet, arbeitet man wohl sein Leben lang in der Fahrradbranche. Es ist wie eine Familie, es ist sehr sanft, sehr freundlich und sehr menschlich. Wenn in einer anderen Branche eine Firma Konkurs anmeldet, schicken die Gläubiger manchmal sogar die Mafia. Das würde in der Fahrradbranche nie passieren! Wenn man eine Fahrradfirma beispielsweise wie eine Autofirma führen würde, das würde nicht funktionieren. Die Fahrradbranche ist zwar auch sehr technisch und professionell, aber sehr menschlich und mit vielen Emotionen. Das gefällt mir. Und ich kann ja auch sowieso nichts anderes mehr machen. Dazu bin ich doch schon viel zu alt!“, sagt sie und als ich in ihre jugendliche Augen schaue, wundere ich mich, wie man in so jungen Jahren auf ein solches Lebenswerk blicken kann …

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