Unterwegs mit einem Weltmeister

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Mit Reini Woisetschläger auf der Tiroler-Leoganger Runde

Es ist eine illustre Gruppe, die sich vor dem Bikehotel Conrad versammelt hat. Gehüllt in Funktionskleidung fachsimpelt ein Tierarzt mit einem Malermeister über den richtigen Dämpferdruck, ein Autoverkäufer reicht einem Computerspezialisten eine Trinkflasche, kurz: eine ganz normale Bikegruppe vor dem Start einer Tagestour. Und ich mittendrin. Es soll auf die Tiroler-Leoganger Runde gehen, 26 Kilometer weit durch die Pinzgauer Berge, insgesamt 1.546 Höhenmeter gilt es zu absolvieren. Die letzten Vorbereitungen laufen, Müsliriegel werden in Trikots gestopft und Federgabeln zum x-ten Mal mit konzentriertem Blick nach unten gedrückt. Freudige Erwartung mischt sich mit Nervosität, die übliche Stimmung vor einer Tour.
Und dann kommt Reini.

SAW03Es ist fast unmöglich, nicht zuerst auf seine Beine zu schauen. Braungebrannt und muskulös würden sie jedem Bodybuilder mit Ambitionen auf den Mr.-Universe-Titel Ehre machen. Doch in Reini Woisetschlägers Beinen stecken keine anabolen Steroide, in Reinis Beinen steckt 100% Bergpower. Denn Reini ist nicht nur Bikeguide, er ist auch Mountainbike-Weltmeister. Zweimal konnte er bei den Worldgames of Mountainbiking, den Weltmeisterschaften der Hobbybiker, die Goldmedaille in Empfang nehmen, zuletzt 2007, im Marathon auf der 43-Kilometer-Distanz.

In meiner Fantasie sehe ich mich bereits nach Luft schnappend hinter diesen beiden Beinen herjagen, doch nach der Begrüßung lässt Reini beruhigende Worte fallen: „Leute, wir machen kein Wettrennen. Jeder sollte nur so schnell fahren, wie er sich wohl fühlt. Wir warten immer auf den Letzten der Gruppe und es gibt zwischendurch immer wieder die Möglichkeit, die Bergbahn zu nehmen.“ Puh, nochmal Glück gehabt. Macht mir ja nichts aus, das Schlusslicht zu bilden, nur allein in den weiten Bergen hätte ich Angst gehabt.

Und ganz so, als wolle er dem eben Gesagten Nachdruck verleihen, fährt Reini mit uns als erstes nur wenige Meter zur Liftstation, an die Reiterkogelbahn. „Natürlich kann man den Reiterkogel auch hochfahren, aber die 500 Höhenmeter gönnen wir uns erst einmal“, erklärt Reini augenzwinkernd, „man soll ja nicht zu früh übersäuern!“. Kurzerhand werden unsere Bikes – mit freundlicher Unterstützung des Servicepersonals – in die Kabinen verfrachtet und wir können uns bequem zurücklehnen und die Aussicht genießen. Oben angekommen geht es dann aber wirklich los. Das Summen der Stollenreifen beflügelt die Seele, es geht in Richtung Rosswaldhütte einen ansteigenden Schotterweg hinauf.

„In der Regel sind die Leute, die hierherkommen, sehr unkompliziert“, verrät mir Reini, während wir bergauf radeln. „Es gibt kein Drängeln, keinen Leistungsdruck, man wartet auf die Schwächeren und genießt das Gruppenerlebnis. Was mich immer sehr freut, ist, dass gerade die Langsameren, die die Gruppe etwas aufhalten, oft die Beliebtesten sind. Es wird ihnen immer geholfen und sie werden von den anderen motiviert!“ ‚Na, dann bin ich bestimmt bald „Everybodys Darling“, so souverän wie ich mir hier die Rote Laterne erarbeitet habe‘, denke ich, während ich hinter den anderen herhechel. Aber macht ja nix, schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, auch kein Weltmeister. „Ich bin seit 1991 in Saalbach Hinterglemm“, erzählt Reini. „In den ersten Jahren war ich Wanderführer, seit 2002 arbeite ich als Mountainbikeguide für das Bikehotel Conrad. Und in diesem Jahr bin ich auch gleich Weltmeister auf der mittleren, 43 Kilometer langen Strecke geworden.“

SAW05„Hast du dich denn auch schon mal an der langen Distanz versucht?“, möchte ich von ihm wissen. „Ja schon“, antwortet er mir, “2003 bin ich die lange Strecke gefahren, und bin Zweiter geworden. Doch ich bin tausend Tode gestorben, unsere lange Strecke ist so brutal, 80 Kilometer, fast 4000 Höhenmeter und so steile Berge! Am Ende habe ich nur noch Sterne gesehen. Ich habe Glück gehabt, dass ich überhaupt ins Ziel gekommen bin! Und obwohl es so viel schwieriger war als die mittlere Strecke, ist ein zweiter Platz auf der langen Distanz nicht so viel wert wie der Weltmeistertitel auf der kurzen. Zumindest für Außenstehende. Für mich ist ein gutes Abschneiden auf der langen Strecke natürlich viel wertvoller.“

Der Weg knickt rechts ab und ehe wir uns versehen, sind wir in Tirol. Wir durchqueren ein Moor, das sanft eingebettet zwischen zwei Bergen liegt. In der Ferne schlummert ein fantastisches Alpenpanorama, Cinemascope ohne Projektion. Es folgt ein kurzer Singletrail, am Ende stoppt Reini die Gruppe. Vor uns liegt eine recht steile, aber ungefährlich aussehende Abfahrt über einen grasbewachsenen Hang. „So, jetzt alle mal den Sattel tiefer stellen und runtertrailen! Keine Angst, es ist nicht gefährlich, der Boden ist weich!“ Zögerlich, doch dann immer mutiger, cruisen die Ersten bergab, einige Ver- zückungsschreie später bin ich auch unterwegs. Neben mir purzelt ein etwas ungestüm zu Werke gehender Jungspund durch das Gras, steht grinsend wieder auf und fährt weiter.

SAW01Unten angekommen blicke ich in die endorfingeschwängerten Gesichter meiner Mitfahrer, um mich herum gelöstes Lachen nach diesem ersten Erfolgserlebnis. „Bei solchen technischen Abfahrten ist Bikebeherrschung das A und O.“ Reini blickt hinauf zu den Nachzüglern, die noch auf dem Hang herumtollen. „ Wir machen jede Woche Montag ein Fahrtechniktraining, dort üben wir bremsen, ganz enge Kurven fahren oder auch mal über den Lenker absteigen. Wenn du mal einen Hüpfer nach vorn gemacht hast und nicht mal einen Kratzer —-, dann verlierst du natürlich auch schnell die Angst vorm Stürzen. Sehr hilfreich sind auch Gleichgewichtsübungen, Standübungen und so. Da bekommt man ein ganz anderes Gefühl fürs Rad. Wenn man zum Beispiel an einen schwierigen Trail kommt, kann man kurz stoppen, eine Standübung machen und sich den Trail genau angucken. Und dann kann man entscheiden, ob man weiter rollt oder nicht. Das macht eine Abfahrt sehr viel sicherer.“

Über einen schnellen Schotterdownhill geht es weiter zum Gasthof „Eiserne Hand“ in Fieberbrunn, danach geht es über Asphalt nach Hochfilzen. Schließlich folgt ein wunderschöner Radweg mit vielen Kurven, Hügeln und Unterführungen, der uns bis nach Leogang führt. Es ist ein Heidenspaß, den engen Kehren zu folgen, das sehe ich auch in den Gesichtern meiner Mitstreiter.
Am Rande des Ortes befindet sich einer der größten Mountainbikeparks Europas, der Bikepark Leogang, direkt daneben die Bergbahn, die Urlauber auf den Asitz bringt. „Von hier geht es jetzt eintausend Höhenmeter am Stück bergauf“, ruft Reini. „Wer möchte, kann mit der Gondel auf den Asitz fahren, ich radel mit dem Rest hinauf!“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, schwinge mich auf mein Rad und rolle die zwanzig Meter bis zur Liftstation.
Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, als ich es mir in der Kabine gemütlich mache. „Ich habe auch kein schlechtes Gewissen!“, sagt Fredy, der neben mir in der Gondel sitzt, „schließlich bin ich im Urlaub und nicht auf der Flucht!“ Fredy kommt schon seit vier Jahren nach Saalbach Hinterglemm zum Biken. „Am Anfang habe ich selbst die kleinsten Steigungen nicht geschafft“, erzählt er mir, „und bergab war ich total verkrampft. Aber seit ich regelmäßig fahre, bin ich viel lockerer geworden, die Urlaube in Saalbach haben mich immer wieder motiviert. Mein Ziel ist es, den Asitz mal am Stück hinaufzufahren, deshalb trainiere ich auch heimlich zu Hause!“ Nicht nur sein Augenzwinkern verrät mir, dass er dieses Vorhaben wohl frühestens für den nächsten Urlaub geplant hat. Und so lassen wir gemeinsam die wundervolle Bergwelt an uns vorbeiziehen.

SAW06Wir Gondelfahrer sind natürlich als Erste oben und begeben uns gleich zum ausgemachten Treffpunkt in die „Alte Schmiede“. Im Inneren präsentiert sich eine schmucke, urige Almhütte mit einem ganz besonderen Charme. Wir nehmen im Gewölbe Platz, das Bilder einer Rittergesellschaft vor das innere Auge zaubert. Ein Blick auf die Speisekarte und ich weiß: hier bin ich richtig!

Nun möge mancher behaupten, dass ich nur aus diesem Grunde an einer solchen Tour teilnehme, und zugegeben, allein dieser tolle Ort rechtfertigt sämtliche vergossenen Schweißtropfen. Doch weit gefehlt. Vielmehr sind es die Stimmung in der Gruppe und die Eindrücke, die man unterwegs sammelt. Und genau von diesen Eindrücken erzählen uns die tapferen Recken, die den langen Weg auf den Asitz herauf pedaliert sind. „Das hast du noch nicht gesehen, der letzte Kilometer geht so steil bergauf, Wahnsinn!“, ruft der eine. „Was für ein Ausblick! Und was für ein tolles Gefühl, wenn man erst einmal oben ist!“, ruft ein anderer. Dieser feierliche Anlass veranlasst uns augenblicklich, den größten Kaiserschmarrn zu bestellen, den ich je gesehen habe. Mit großem „Hallo“ stürzen sich alle auf das Prachtmahl, das nicht nur groß aussieht, sondern auch großartig schmeckt.

SAW04Nach der Mittagspause verlassen wir die „Alte Schmiede“. Es geht ein kurzes Stück bergauf, danach fast nur noch bergab. Hier zeigt Saalbach Hinterglemm sein besonderes Gesicht: Trails vom Allerfeinsten, die es hier massenweise gibt. So gut wie alle Trails sind ehemalige Wanderwege“, verrät uns Reini bei einem kurzen Stopp. „Mein Vorteil ist es, dass ich vorher Wanderführer war und sämtliche Wege kenne. Inzwischen habe ich einen ganz speziellen Blick entwickelt. Ich denke mir immer nur: ‚Ist dieser Weg fahrbar?’ Sobald ich mal wieder wandern bin, denke ich immer nur daran, ob sich dieser Weg auch zum Biken eigenen würde!“ Zum Glück sind wir auf Mountainbikes unterwegs, denn auf keine andere Art kann man sich so lustvoll ins Tal bewegen.
Hinter einer kurzen Tragepassage sammelt Reini die Gruppe zum letzten Mal. „Hier beginnt unsere letzte Abfahrt. Wer Trail fahren will, kann das tun, die anderen können auf einer Schotterabfahrt ins Tal hinunterfahren. Unten müsst ihr einfach nur dem Radweg in Richtung Hinterglemm folgen!“
Ich entscheide mich für die spaßige Trailabfahrt. Von den Schotterwegabfahrern ist nur noch eine Staubwolke zu sehen, als wir uns auf den schmalen Weg wagen. Zuerst geht es an einem Wiesenhang entlang, mit famosem Weitblick, bis der Trail im Wald deutlich ruppiger wird. Über Wurzeln und Steine zirkeln wir die Räder, hin und wieder muss ein Fuß abgestellt werden, doch das hier ist Mountainbiking pur! „Mensch, das macht Laune!“, rufe ich Reini zu. „Ja, das macht den meisten Gästen Spaß!“, antwortet er. „Und der Anteil der Trailfahrer nimmt immer weiter zu, im Vergleich zu früher ist er enorm gestiegen. Am Anfang haben die Leute gefragt: ‚Trailfahren, was ist das eigentlich?‘ und ‚Das kann man doch gar nicht fahren!‘ und jetzt haben wir 80 bis 90 Prozent, die mit uns hier herunterfahren!“

Viel zu schnell erreichen wir die Schotterstraße, die auf den Radweg in Richtung Hinterglemm führt. Im langsamen Tempo rollen wir zurück, schlackern unsere Beine aus und lauschen Reinis Worten über sein Lieblingsrevier. Das Schöne an Saalbach ist, dass es sehr abwechslungsreich ist. Hochalpin am Schattberg, wo man auf Steinen und Schotter fährt; Singletrails und Wurzelwege dann unterhalb der Baumgrenze. Außerdem musst du so gut wie gar nicht auf der Bundesstraße fahren. Überall gibt es tolle Radwege und auch der Verkehr ist hier nicht besonders stark. Das Glemmertal ist eine Sackgasse, es gibt keinen Durchgangsverkehr.“ Erst als wir unsere Bikes vor dem Hotel abspritzen, fällt mir auf, wie müde ich bin. Doch es ist eine angenehme Müdigkeit, die begleitet wird von unendlich vielen Eindrücken an eine tolle Tour! Jetzt noch ab in die Sauna und der Tag ist perfekt! Ich bedanke mich bei Reini für diese weltmeisterliche Fahrt und drücke seine Hand. „Na, dich sehe ich hier doch bestimmt wieder!“, sagt er und grinst. Wahrscheinlich verraten ihm meine Augen, dass ich nicht zum letzten Mal in Saalbach Hinterglemm biken war.

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