Gesprochen mit Eron Chorney

Eron Chorney Eron fährt Mountainbike, seit sie 16 Jahre alt ist. Mit 18 beginnt sie Rennen zu fahren und schafft es bis in die kanadische Nationalmannschaft. Sie absolviert eine Design-Ingenieur-Ausbildung, arbeitet drei Jahre lang für Rocky Mountain, bis sie vor 1 ½ Jahren zu Specialized wechselt. Dort ist sie verantwortlich für die Linie „Designs für Frauen“.

P: Eron, warum brauchen Männer und Frauen unterschiedliche Räder?

Eron: Es gibt einen großen Unterschied im Körperbau zwischen Männer und Frauen. Wir haben Untersuchungen gemacht und Statistiken über die Körpermaße von Frauen und Männern erstellt. Es ist nicht nur die Körpergröße, die sich unterscheidet, es gibt auch einen Unterschied in der Länge der Arme und der Reichweite. Darauf muss ein Rad abgestimmt sein. Außerdem sind Frauen meist leichter als Männer und nicht so kräftig. Bei gleichem Gewicht sind Männer meist deutlich stärker als Frauen.

P: Worauf habt ihr bei der Entwicklung der Frauenbikes wert gelegt?
E: Als wir unsere Räder für Frauen entwickelten, haben wir die oben genannten Punkte berücksichtigt. Die Räder sind insgesamt kleiner, und sie haben ein kürzeres Oberrohr, der Abstand zwischen Lenker und Sattel geringer als bei einem Männerrad. Zudem konnten wir einen leichteren Rohrsatz benutzen, weil die Rahmen kleiner sind und somit in sich stabiler und nicht so stark beansprucht werden. Natürlich haben wir dann auch noch spezielle Sättel, Lenker und Griffe.

P: Was ist an diesen Parts anders?
E: Es ist Teil unserer Philosophie, dass wir in allen Bereichen, wo es Sinn macht, speziell auf Frauen abgestimmte Produkte anbieten. So sind die Lenker nicht so breit und der Durchmesser ist geringer. Frauen haben neben schmaleren Schultern auch kleinere Hände. Auch die Sättel sind auf die weibliche Anatomie abgestimmt. Sie sind etwas anders gepolstert als die Herrenmodelle, dazu etwas kürzer und breiter. Drei verschiedene Breiten stehen zur Auswahl, da bei jedem Menschen die Sitzknochen unterschiedlich weit auseinander liegen. Auch die Schuhe unterliegen dieser Philosophie. Jeder unserer Frauenschuhe, vom Einsteigermodell bis zum Profischuh, ist auf einem speziellen Leisten gefertigt. Die Form der Schuhe unterscheidet sich stark von einem Herrenschuh. Frauen haben eine schmalere Ferse und weniger Volumen im Vorderfuß. Dementsprechend sind unsere Schuhe angepasst.

P: Benutzt ihr auch andere Federgabeln?
E: Die Gabeln sind speziell auf leichtere Fahrer abgestimmt. Manche Gabeln funktionieren nicht richtig, wenn zu wenig Luft drin ist. Deshalb haben wir speziell solche Modelle gewählt, die sich auch auf ein geringeres Körpergewicht anpassen lassen. Bei manchen Gabeln ist das einfach nicht möglich.

P: Wie wichtig ist das Aussehen eines Frauenbikes?
E: Der Look ist ungeheuer wichtig. Frauen lieben schöne Dinge! Sie bevorzugen bestimmte Farben und Grafiken, was nicht bedeuten soll, dass alle auf Girlie-Look stehen. Ihnen ist der ästhetische Aspekt aber sehr wichtig, alles muss stimmig sein. Wir versuchen mit einem Modell eine große Zahl von Frauen anzusprechen, von sportlich bis verspielt.
P: Pink oder Blümchen hat also ausgedient?
E: Es gibt zwar einige Frauen, die das mögen, aber auch viele Frauen, denen das nicht gefällt und die wir mit so einem Design ausgrenzen würden. Die Kunst ist es, ein Design zu finden, das alle anspricht.

P: Die Frauenbikes von Specialized decken den Bereich von Race bis CrossCountry ab. Warum gibt es keine Bikes für Frauen in den Kategorien Downhill, Freeride, Dirt oder Enduro?
E: Wir haben schon eine Menge Gehirnschmalz in das Thema gesteckt. Es ist ein sehr interessanter, aber auch schwieriger Markt. Wir haben viele Ideen, wie wir auch in diesen Kategorien die Bikes frauentauglicher machen könnten. Frauen sind leichter, springen nicht so extrem, wir könnten das Handling deutlich verbessern im Vergleich mit Rädern für Männer. Aber wir wollen noch etwas damit warten, bis der Markt bereit dazu ist und bis wir absolut überzeugende Produkte bieten können. Die Frauen, die diese Sportarten ausüben sind sehr anspruchsvoll. Ich bin mir sicher, dass wir etwas Fantastisches auf die Beine stellen werden, aber noch sind wir nicht ganz so weit.

P: Gibt es Unterschiede im Kaufverhalten von Männern und Frauen, wenn sie sich ein neues Rad zulegen möchten?
E: Nein, nicht wirklich. Es gibt viele Frauen, die sich sehr gut auskennen, die ganz gezielt ein bestimmtes Rad wollen, und es gibt andere, die sich eher spontan entscheiden oder nach dem Aussehen schauen. Aber das ist bei Männern ja ganz ähnlich. Auffällig ist allerdings, dass Frauen sehr darauf achten, welchen Nutzen oder Vorteil ein bestimmtes Modell verspricht. Männer lassen sie mehr von Technik begeistern, Frauen wollen eine Technik, von der sie profitieren können. Grundsätzlich könnte man sagen, dass Männer wissen wollen wie etwas funktioniert, Frauen dagegen in welcher Art und Weise die Technik sie unterstützt. Frauen sind darüber hinaus realistischer als Männer. Sie brauchen nicht das Beste vom Besten, wenn sie wissen, dass sie es nicht ausreizen können.

P: Wer testet bei Specialized die Ladies-Bikes? Habt ihr eine spezielle Testmannschaft?
E: Wir haben eine Menge Testfahrerinnen - aus Kannada, den USA, Norwegen, die meisten von ihnen sind Rennfahrer. Aber wir haben auch ganz normale Leute, die unsere Sachen testen. Das ist wichtig, damit man nicht den Kontakt zur Basis verliert. Das Feedback der Frauen ist elementar, nur so können wir die Räder ständig verbessern.

P: Wie werden eure Bikes von der Damenwelt aufgenommen? Welches Feedback bekommt ihr?
E: Viele Frauen sitzen auf dem ausrangierten Bike ihres Mannes oder Freundes. Manche sind sogar zufrieden damit. Sie haben sich so an ihre Haltung gewöhnt, dass sie denken: „Das muss so sein!“. Sie haben keinen Vergleich und nehmen die gegebene Situation als Standard hin. Wenn man diese Frauen zum ersten Mal auf ein Bike für Frauen setzt, hört man buchstäblich den Groschen fallen: „Oh ja, das passt mir viel besser! Und es ist wesentlich komfortabler! Warum habe ich mich die ganze Zeit nur so gequält?“. Für diese Frauen fängt Mountainbiken in diesem Moment erst an!

P: Eron, vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!

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